Wer an Frankreich denkt, dem kommen neben Eifelturm, Louvre, Rotwein usw. auch bald beschwingte Akkordeonklänge in den Sinn. Der typische Musette Walzer sorgt am Montmartre erst für das richtige Paris Feeling, gilt aber auch als das Klischee für die Musik unserer Nachbarn. Ursprünglich von den armen Zuwanderern aus der Auvergne eingeführt, wurde der „Bal Musette“ bald auf den sonntäglichen Tanzveranstaltungen gespielt. Wenig später brachten Italiener das Akkordeon mit zu den Festen - die französischste aller Musikrichtungen war geboren und der Siegeszug des fremden Instruments eingeläutet. Heute, knapp 130 Jahre später, ist das Akkordeon in der französischen Musik unentbehrlich geworden.
Die Quetschkommode wird uns durch das diesjährige Festival begleiten und mit der Akkordeonale wird ihr nun zum zweiten Mal ein ganzer Abend gewidmet. Die besondere Atmosphäre der konzerterprobten Adventskirche wird sicherlich dazu beitragen, dass es wieder „ein ganz besonderer Abend“ (HNA 2010) wird.
Am Mittwoch schauen wir dann in die Kasseler Weltmusikszene. Neben dem Trio “Pure Melange“ erwarten uns an diesem Abend gefühlvolle Chansons mit einer Prise Jazz des französisch-deutschen Duos „Entre-Nous“.
Ein Waschbrett und andere archaische Haushaltsinstrumente werden uns tags darauf in die kleinen Pariser Clubs der 30iger Jahre zurückversetzen. Bei „Paris Washboard“ ergänzen sich vier gestandene Virtuosen mit Posaune, Piano, Klarinette und Waschbrett zu der von Kritikern als „beste «kleine» Besetzung im Bereich des klassischen Jazz weltweit“ gekürte Band.
Kontrastreich geht es zum Wochenende dann mit „Watcha Clan“ in die Clubs des 21. Jahrhunderts. Das junge Quartett um die in Algerien geborene und in Paris lebende Sängerin Sista K. serviert uns einen nordafrikanischen Crossoversound und ergänzt elektronische Beats, Balkan-Melodien und Club-Ästhetik mit Gnawa-Grooves.
Nordafrikanische Migranten wie z.B. Sista K. haben spätestens seit den Siebzigern deutliche Spuren in der Musikszene unserer Nachbarn hinterlassen und so Paris als eine der Hauptstädte aktueller Weltmusik mitgeprägt. Schon seit Jahrhunderten übt Europas Hauptstadt der feinen, nonchalanten Lebensart diese gewisse Anziehungskraft auf Künstler aus aller Welt aus: Tausende kommen Jahr für Jahr nach Paris, um dieses besondere Flair, aber auch die Einflüsse der unterschiedlichsten Ethnien und Migranten zu erleben.
Dass aber ein Belgier zu den bedeutendsten Vertretern des Chanson française emporstieg und quasi adoptiert wurde, ist bei den als patriotisch geltenden Franzosen dann doch nicht unbedingt alltäglich und für uns nur ein Grund, das Festival am Samstag, den 17. April 2011, mit einer Reminiszenz an den „Orkan namens Brel“ (Figaro) zu beenden. Philippe Huguet gilt als authentischer Brel-Interpret und wird uns am Abschlussabend im neuen Konzertsaal der Universität „das singende Tier“ (Spiegel) näher bringen.
Der Startschuss für das Kasseler Weltmusikfestival fällt aber traditionell im Foyer der Kasseler Sparkasse. Der fünfstimmige Chor „Corou de Berra“ und seine vierköpfige Band eröffnen das Festival am 8. April mit einem abwechslungsreichen Programm aus längst vergessenen Liedern sowie ungewöhnlichen Arrangements und Interpretationen traditioneller Gesänge aus den Südalpen - einem Schmelztiegel starker, lebendiger, seit Jahrhunderten verankerter Kulturen. Nach dem polyphonen Auftakt, der eher an sardische und korsische Chöre erinnern könnte, werden uns „Les Yeux d´la Tête“ mit ihrem herrlich erfrischenden Swing-Chanson-Folk Mix an die Ufer der Seine, aber auch in die Spelunken von Paris entführen. Die aktuellen Träger des europäischen Folkpreises »Eiserne Eversteiner« 2011 erschaffen sicherlich auch in Kassel diese mitreißende, farbenfrohe Atmosphäre des jungen Paris.
Ebenfalls nach Paris emigriert ist vor vielen Jahren der algerische Star Akli D. Mit seiner fünfköpfigen Band wird er uns exklusive Songs seines neuen Albums "Soleil D'Hiver" vorstellen. Sein letztes, ebenfalls von Kumpel Manu Chao produziertes Album stieg übrigens 2007 mit seinem fesselnden Mix aus Chaâbi, Gnawa, Rai, Reggae und Maghreb Folk bis auf Platz 1 der Worldmusik Charts.
Mit dem vierten und letzten Konzert am Eröffnungswochende in den Räumen der Kasseler Sparkasse erschaffen „Les Blérots de R.A.V.E.L.“ ein ganz anderes Universum, in dem sich festliches französisches Chanson mit Zigeunerrhythmen und bunten Fanfaren schmückt. Live ein wahres, savoir-vivre-getränktes, Heilmittel gegen den Trübsinn des Alltags!
Das 14. Kassler Weltmusikfestival möchte Sie mitnehmen auf eine siebentägige Reise von den Südalpen bis in die Normandie, mit Einblicken in das Paris der letzten 80 Jahre und die bedeutenden, sich ergänzenden Einflüsse der Migration auf diese traditionsbewusste, selbstbewusste und so charmante Musiklandschaft unseres Nachbarn.
C'est le ton qui fait la musique!
Moderiert wird 14. Kasseler Weltmusikfestival von Gregor Praml (Freier Redakteur und Autor beim Hessischen Rundfunk. Komponist, Arrangeur und Produzent für Hörspiele / Hörbücher, Bühnenmusik sowie für Fernseh-, Film- und Rundfunkproduktionen).
www.gregorpraml.de
Das Weltmusikfestival bringt zum 14. Mal Klangschätze anderer Länder
nach Kassel. Damit hat es sich als ein markanter und fester Termin im
Kasseler Kulturkalender etabliert. Mit seiner Außenwirkung trägt es zur
Profilierung Kassels als weltoffene Stadt mit einem vielfältigen
kulturellen Angebot bei.
Die Kasseler Sparkasse und die Kulturstiftung der Kasseler Sparkasse
begleiten von Beginn an dieses besondere Musikereignis als Förderer.
Wir freuen uns, dass die Kundenhalle der Kasseler Sparkasse wieder für
zwei Tage zur Konzerthalle wird.
In diesem Jahr dürfen wir gespannt sein auf Einblicke in die
musikalische Bandbreite Frankreichs. Lassen Sie sich mitnehmen auf eine
musikalische Reise durch unser Nachbarland.
Liebe Freunde des Kasseler Musikfestivals,
sehr geehrt Damen und Herren,
ich begrüße Sie sehr herzlich zum 14. Weltmusikfestival. In diesem Jahr begeben wir uns auf eine musikalische Reise zu unseren Nachbarn nach Frankreich. Paris gilt ohnehin als eine der wichtigsten Hauptstädte der Weltmusik. Das intellektuelle und kulturelle Renommee der Metropole hat schon immer Musiker und Künstler aus aller Welt angelockt. Die Immigranten aus den ehemaligen Kolonien West- und Nordafrikas beeinflussen seit Jahrzehnten die Musikszene und sind selbst Quelle der Inspiration für eine junge Generation von Musikern geworden. Doch nicht nur die Hauptstadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen, fremde Einflüsse lassen sich auch in anderen französischen Regionen finden. Vieles, was wir heute musikalisch als typisch französisch empfinden, hatten Einwanderer mitgebracht.
Weltmusik steht für kulturelle Vielfalt, Offenheit, Neugier, Toleranz und Integration. In der Musik ist Fremdheit nichts Bedrohliches. Sie baut Brücken, über die zu gehen neue Erfahrungen bereit hält und Bereicherung verspricht. In diesem Sinne danke ich dem Team des Kulturzentrums Schlachthof, das in bewährter Kooperation mit der der Kulturstiftung der Sparkasse, der Stadt Kassel, dem Hessischen Rundfunk, dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst und weiteren Institutionen wieder ein wunderbares Programm auf die Beine gestellt hat. Alle Mitwirkenden heiße ich herzlich willkommen und wünsche der Konzertreihe den verdienten Erfolg.
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