Aman Aman

... Fortsetzung

Eine neue Heimat bot ihnen der Sultan von Konstantinopel (heute Istanbul), von wo sie sich über den ganzen östlichen Mittelmeerraum verbreiteten. Im 20. Jahrhundert wurden sie gemeinsam mit den Griechen aus der Türkei vertrieben und siedelten sich besonders in Thessaloniki an. Hier gab es dann auch bis zum zweiten Weltkrieg die größte und lebendigste sephardische Gemeinde der Welt; berühmte sephardische Musiker spielten gemeinsam mit griechischen und türkischen Musikern in den Orchestern jener Zeit auf den Festen aller Religionen: auf jüdischen und muslimischen Beschneidungszeremonien, christlichen Taufen, Hochzeiten, Purim und auch am christlichen Osterfest. Sephardische Musik kann man also nicht von dem trennen, was wir als "türkische" oder "griechische" Musik kennen.
Aber auch hier waren die Sepharden nicht vor Verfolgung sicher. Deutsche Faschisten und ihre einheimischen Helfershelfer vernichteten fast die gesamte jüdische Gemeinde. Wer heute etwas über sephardische Musik wissen will, muss die letzten Überlebenden des Holocaust befragen oder nach Relikten, wie die 78rpm Schellackplatten von Isaac Algazi aus Izmir oder die Aufnahmen von Jak Mayesh aus Istanbul, forschen. Da überrascht es dann doch ein wenig, dass seit einigen Jahren junge spanische Musiker eine vergessen geglaubte Musiktradition wieder zum Leben erwecken.
Ähnlich wie vor einigen Jahren die Band Radio Tarifa und der legendäre Flamencosänger Juan el Lebrijano mit dem Orchestra Andalusi de Tanger die maurischen Wurzeln der spanischen Musik wieder belebt haben, erweckt nun Aman Aman diese Musik zum Leben, von denen viele nicht einmal wussten, das sie je existiert hat – die Musik der Sepharden, der spanischen Juden.

Diejenigen, die sephardische Musik kennen, sind es gewohnt, das sephardische Repertoire aus der Sicht der klassischen Musik mit all ihren Eigenheiten zu betrachten: Musiker, die nach Noten spielen und ohne Platz für Improvisation. Aman Aman geht die Thematik schon rein optisch von der traditionellen Musik der Länder an, welche die Sepharden aufnahmen und die daher die kulturelle Quelle darstellen, aus der sich die Sepharden speisten - also aus heutigen Ländern wie Griechenland, Türkei, Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien. Die Musiker bedienen sich ab und zu auch mal beim Stil der modalen Tradition Makam, der die Basis der Musik der alten und kosmopoliten Zentren Thessaloniki, Istanbul und Izmir bildet. So basiert der Klangbild von Aman Aman auf der Modulation der Saiten-, Blas- und Perkussionsinstrumenten des mittleren Ostens (Qanun, Ud, Cümbüs, Baglama, Ney, Kaval, Darbuka, Rig, Bendir...) und wird durch das "aktuellere" Cello ergänzt (das aber wie in den modernen Orchestern aus Magreb, Türkei oder Ägypten interpretiert wird).
Von klassischer Genauigkeit oder konventionellem Traditionalismus sind die Interpretationen Aman Amans also weit entfernt. Die Musiker von Aman Aman lassen sich lieber inspirieren und improvisieren, dabei immer das Ursprüngliche achtend, um so den Liedern neues Leben einhauchen. Die feinen Arrangements kreieren ein reichhaltiges Klangspektrum (ein polyphonisches in Anbetracht der Monophonie dieses Genres) und machen die Musik so vielleicht sogar verständlicher für das westliche Europa. Konsequenterweise integriert die Band aus Valencia Musiker aus Spanien, Griechenland und Nordafrika.
Und der Erfolg gibt ihnen recht, die Band um die Sängerin Mara Aranda und den Multiinstrumentalisten Efrén López waren in den letzten Jahren auf vielen großen und kleineren Festivals in Europa zu Gast und haben eine richtige Welle der Begeisterung für sephardische Musik ausgelöst. Frontfrau Mara Aranda, die mit ihren dunklen Augen und schwarzen Locken selbst eine Urenkelin Leon Feuchtwangers berühmter "Jüdin von Toledo" sein könnte, singt in Ladino mit einer Stimme, die archaisch und ergreifend ist, aber auch mit dem Selbstbewusstsein einer jungen Frau, die mit Rock n’ Roll aufgewachsen ist. Ladino ist wie schon erwähnt dem spanischen sehr ähnlich - mit ein bisschen Übung kann wer Spanisch kann auch Ladino in Ansätzen verstehen. Dies lohnt, sowohl für das Verständnis der Geschichte, als auch für die wunderschönen Balladen und Tänze.

Efrén López Saiteninstrumente | Mara Aranda Gesang | Diego López Percussion
Aziz Samsaoui Kanun | Eleni Kalimopoulou Kamanche (türkische Geige) | Matthieu Saglio Violoncello

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